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299, Feb. 15, 2011
"Das Weltsozialforum,
Ägypten und die Verwandlung"
(von Immanuel Wallerstein,
Yale Universität, USA)
Das Weltsozialforum (WSF) ist gesund
und munter. Es fand
soeben in Dakar, Senegal, statt
vom 6. -11. Februar. Aufgrund
unvorhergesehenen Zufalls
war dies die Woche der erfolgreichen Entthronung Hosni
Mubarak durch das ägyptische
Volk, die schließlich gelang
als das WSF sich gerade in seiner Abschlusssitzung befand. Das WSF nutzte die Woche um die Ägypter anzufeuern - und um über die Bedeutung der tunesischen / ägyptischen Revolution für ihr Programm der
Verwandlung zu diskutieren für die Verwirklichung einer anderen Welt, die möglich ist - möglich, nicht sicher.
Irgendwo zwischen 60.000 und 100.000
Menschen besuchten das Forum, was an sich eine bemerkenswerte Zahl ist. Um solch
eine Veranstaltung durchzuführen benötigt das WSF starke lokale soziale
Bewegungen (die in Senegal existieren)
und eine Regierung, die zumindest das Abhalten des Forums
toleriert. Die senegalesische
Regierung von Abdoulaye
Wade war bereit, das Stattfinden
des WSF zu "tolerieren",
obwohl sie bereits vor ein
paar Monaten die versprochene finanzielle Unterstützung um drei Viertel zurücknahm.
Doch dann kamen
die tunesischen und ägyptischen
Aufstände, und die Regierung
bekam kalte Füße. Was ist,
wenn die Anwesenheit des
WSF eine ähnliche Erhebung in Senegal inspiriert?
Die Regierung konnte die Sache nicht absagen,
nicht bei der Teilnahme von Lula (da Silva, Anm.d.Ü.) aus Brasilien, Morales aus Bolivien und zahlreichen afrikanischen Präsidenten. So tat sie das Nächstbeste. Sie versuchte das Forum zu
sabotieren. Sie tat
dies durch das Feuern des Rektors der wichtigsten
Universität, wo
das Forum abgehalten werden
sollte - vier Tage vor der
Eröffnung - und der
Installation eines neuen Rektors, der prompt die Entscheidung des früheren Rektors aufhob, den Unterricht während des WSF auszusetzen, so dass Veranstaltungsräume zur Verfügung stehen.
Das Ergebnis war ein organisatorisches Chaos zumindest an
den ersten beiden Tagen. Am Ende erlaubte der neue
Rektor die Benutzung von 40
von mehr als
170 benötigten Räumen. Die Organisatoren stellten phantasievoll Zelte auf dem Campus auf, und das Treffen fand trotz der
Sabotage statt.
Tat die senegalesische Regierung Recht daran das WSF so zu fürchten? Das WSF diskutierte selbst darüber wie relevant es für die Volksaufstände in der arabischen Welt und anderswo war, unternommen von Leuten, die wahrscheinlich noch nie vom
WSF gehört haben. Die Antwort, die von den Anwesenden gegeben wurde, spiegelt die langjährige Teilung in ihren Reihen wieder.
Es gab diejenigen, die fanden,
dass zehn Jahre der WSF-Treffen
wesentlich zur Unterminierung der Legitimität der neoliberalen Globalisierung beigetragen haben, und dass die Botschaft überall durchgesickert ist. Und es gab diejenigen, die fanden, dass die Aufstände
zeigten, dass
transformative Politik anderswo
als im WSF gründet.
Ich fand zwei
Sachverhalte am Dakar-Treffen
bemerkenswert. Das erste war, dass kaum jemand das Weltwirtschaftsforum in Davos überhaupt nur erwähnte.
Als das WSF im Jahr 2001 gegründet
wurde wurde es als Anti-Davos
gegründet. In 2011 schien Davos politisch
so unwichtig für die Anwesenden, dass es einfach ignoriert
wurde.
Das Zweite war das Ausmaß, mit der
alle Anwesenden die Verbindungen zwischen allen diskutierten
Fragen betonten. Im Jahr 2001 befasste
sich das WSF in erster Linie mit den negativen
wirtschaftlichen Folgen des
Neoliberalismus. Aber bei jeder Sitzung
danach griff das WSF andere Sorgen auf - Gender, Umwelt (und insbesondere den Klimawandel), Rassismus, Gesundheit, Rechte der indigenen Völker,
Arbeitskämpfe, Menschenrechte,
Zugang zu Wasser, Nahrung und die Verfügbarkeit von Energie. Und plötzlich in Dakar, egal was das Thema der Tagung
war, rückten die Verbindungen
mit den anderen Anliegen in den Vordergrund. Dies scheint mir
war die große Leistung des
WSF - immer mehr Problemen zu benennen
und alle dazu zu bringen, deren
enge Verbindungen wahrzunehmen.
Dennoch gab es eine
grundlegende Klage unter den Anwesenden. Die Leute sagten richtiger
Weise, wir alle wissen, wogegen wir sind,
aber wir sollten klarer ausdrücken, was es ist, wofür wir
sind. Dies ist
es, was wir zu der ägyptischen
Revolution beitragen können
und zu den anderen, die überall kommen werden.
Das Problem ist,
dass es nach
wie vor eine
ungelöste Differenz gibt bei denen,
die eine andere Welt wünschen. Es gibt diejenigen die glauben, dass das, was die Welt braucht, mehr Entwicklung
ist, mehr Modernisierung verbunden mit der Möglichkeit
einer gleichmäßigeren Verteilung der Ressourcen. Und es gibt diejenigen, die glauben, dass Entwicklung
und Modernisierung der zivilisatorische Fluch des Kapitalismus sind und dass wir
die grundlegenden kulturellen
Prämissen einer zukünftigen Welt überdenken müssen, was sie als zivilisatorischen Wandel bezeichnen.
Diejenigen, die für zivilisatorischen Wandel eintreten, tun dies auf unterschiedliche Weise. Es gibt
die indigenen Bewegungen der Amerikas (und anderswo), die sagen, sie wollen eine
Welt, die die Lateinamerikaner
"buen vivir" (guten Leben, Anm.d.Ü.)
nennen - im wesentlichen eine Welt basierend auf guten Werten, eine (Welt), die die Verlangsamung des unbegrenzten Wirtschaftswachstums
erfordert, wofür - so sagen sie - der
Planet zu klein
ist, um (so) zu überleben.
Während die indigenen Bewegungen ihre Forderungen rund um Autonomie zentrieren, um Landrechte in ihren Gemeinden zu kontrollieren,
gibt es städtische
Bewegungen in anderen Teilen der Welt, die betonen, in welcher Weise unbegrenztes Wachstum zur Klimakatastrophe und neuen Pandemien führen. Und es gibt feministischen Bewegungen, die den Zusammenhang zwischen der Forderung
nach unbegrenzten Wachstums und der
Erhaltung des Patriarchats unterstreichen.
Diese Debatte um eine "zivilisatorische Krise" hat große Auswirkungen auf die Art von politischer
Aktion, die man billigt,
und die von linken Parteien
erwünschte Rolle, die staatlicher Macht in der diskutierten Transformation der Welt zukommt. Sie wird nicht leicht
beizulegen sein. Aber es ist die entscheidende Debatte des kommenden Jahrzehnts. Wenn die Linke ihre Differenzen
in diese zentrale Frage nicht lösen
kann könnte der Zusammenbruch der kapitalistischen Weltwirtschaft leicht zu einem Triumph des weltweiten Rechts führen und die Errichtung eines neuen Weltsystems,
schlimmer noch als das bestehende.
Im Augenblick sind alle Augen
auf die arabische Welt gerichtet
und das Ausmaß, mit dem die heroischen Anstrengungen der ägyptischen Bevölkerung die Politik in der arabischen Welt verwandelt. Aber der Zündstoff für
solche Aufstände existiert überall, sogar in den reicheren Regionen der Welt. Im Augenblick scheint es uns gerechtfertigt
halb optimistisch zu sein.
Immanuel Wallerstein
(Übersetzung aus dem Englischen
von Torsten Trotzki)
© Immanuel Wallerstein 1998, 1999, 2000, 2001, 2002,
2003, 2004, 2005, 2006, 2007, 2008, 2009, 2010, 2011
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